Sonntag, 8. Juli 2018

Fische [Rezension]

Da ist aber jemand wieder ordentlich am Lesen und Bloggen. Kaum zu glauben, dass das ich sein soll. Offenbar scheint mein Versuch mir jeden Tag wieder etwas mehr Zeit fürs aktive Lese zu nehmen zu fruchten. Somit kann ich heute wieder mit einer Rezension aufwarten. Jippie.


Inhalt:


Nach einer Überdosis Schlaftabletten erwacht Lucy benebelt und inmitten eines Berges aus puderzuckerbestäubten Donuts in ihrem Auto, ohne genau zu wissen, wo sie sich befindet. Wo befindet man sich überhaupt im Leben, wenn man mit neununddreißig Jahren schon seit einer Ewigkeit über griechische Dichtung promoviert, partout keine Kinder will, frisch getrennt ist und immer dicker und depressiver wird? Eine Liebe-und-Sex-Therapiegruppe in Venice Beach soll für Lucy Antworten auf diese und andere Fragen liefern, genauso wie ihr neuer Tinder-Account. Doch das unfassbarste High erlebt sie am Strand: Ein wunderschöner Meermann taucht aus dem Ozean auf. Alles zuvor Gewesene wird relativ.

Mistys Meinung:


Ich wusste relativ wenig über diesen Titel, lediglich, dass es sich um ein "normales" belletristisches Buch handelt und darin ein Meermann sein Auftreten finden würde. Da fühlte ich mich gleich an Shape of Water erinnert und erwartete eine ähnliche Geschichte. Abgesehen von diesem nicht ganz natürlichen Wunderwesen in der realen Welt hat dieses Buch aber so gar nichts mit genanntem Film  gemein. Eigentlich erinnerte es mich vielmehr an Feuchtgebiete und ganz ehrlich....das fand ich fantastisch!

Das Buch von Charlotte Roche habe ich zwar nur in Auszügen gelesen und kann daher wenig darüber sagen, außer dass ich eigentlich nicht sonderlich begeistert bin von Büchern, die partout einfach nur schockieren wollen. Aber in Fische ging diese Funktion für mich voll auf! Anfangs rätselte ich noch, ob ich die weibliche Hauptfigur -man kann dem Klappentext entnehmen, dass ihr Leben nicht gerade blendend läuft- über 300 Seiten ertragen würde. Sie erscheint lethargisch, lässt sich gehen, vertrödelt ihr Leben und zeigt eine Abhändigkeit von Männern, die man als Leser zunächst nur abstoßend finden kann. Eine jener Charaktere also, die ich auch im echten Leben am liebsten an der Schulter rütteln würde während ich ihr ins Gesicht rufe "Jetzt reiß dich mal zusammen und krieg dein Leben in den Griff!".
 "»Menschen, die sich zurückziehen, berichten oft von Depressionen, Verzweiflung, Schlafproblemen und einem vorübergehenden Gefühl der Sinnlosigkeit.« »Ach, das ist bloß das Leben«, winkte ich ab."*

Gleichzeitig begann ich mich dann jedoch zu fragen, warum ich eigentlich eine solche Abneigung gegen einen solchen Lebensstil habe und konnte mir eingestehen, dass ich mich -nicht zuletzt da Lucy ebenfalls Literaturwissenschaft studiert- an meine eigenen Studienjahre und diverse weibliche Krisen erinnert fühlte. Und genau hier kann ich der Autorin einfach nur für ihre Glanzleistung gratulieren. Lucy ist nicht nur lethargisch und an vielen Stellen verzweifelt, sie ist überaus selbstironisch und wunderbar ehrlich. Sie hinterfragt die gängigen gesellschaftlichen Konventionen kritisch, auch wenn sie sich dennoch davon mitreißen lässt (wie wir alle wenn wir uns ebenfalls so ehrlich zeigten). Und ihre Ehrlichkeit macht nunmal auch nicht bei ihrem Körper halt und genau das finde ich so herrlich erfrischend bei diesem Buch.

Klar war auch ich bei vielen Passagen schockiert, wenn nicht sogar angeekelt, aber gleichzeitig dankbar dafür, dass endlich mal jemand ehrlich über Details wie Menstruationsblut spricht - und wenn es nur die Hauptfigur in einem Buch ist. Wieviele Protagonistinnen kenne ich eigentlich, deren Monatsblutung je erwähnt wurde? Ich glaube exakt zwei! Insofern...ich habe es genossen und ich habe begonnen mich mit vielen Feststellungen von Lucy zu identifizieren, selbst wenn mir viele ihrer Gedanken nachwievor zu abgedreht waren. Abgedreht zeigt sich auch der Handlungsverlauf, aber er lässt soviel Raum für Auslegungen und Platz zum Nachdenken, dass ich mich wirklich davon habe mitreißen lassen wie von einer Meereswelle (meine geniale Anspielung darf natürlich auch bejubelt werden).

Auch beim Thema Sex wird kein Blatt vor den Mund genommen und auch diesen Umstand kann ich nur als gelungen bezeichnen. Ich kann mich nicht erinnern jemals in einem Buch so ehrliche Worte über diese beliebte Nebensache gehört zu haben. Und bei Lucy sieht man, dass das auch mal nur frustrierend laufen und unliebsame Nebeneffekte haben kann - wie zum Beispiel eine Blasenentzündung! Gerade in Büchern wird das sonst mit poetisch-schönen Worten umschrieben und mystfiziert ohne Ende. Mythen finden in der Geschichte übrigens ebenso ihren Platz, die Autorin hat wirklich für ein abwechslungsreiches Buch voller Überraschungen gesorgt. Man muss allerdings bereit dafür sein, dass einen eine aufwühlende Lektüre erwartet.

Fazit:


Für mich ganz klar ein großer Wurf. Einen solch schonungslos ehrlichen Roman habe ich selten gelesen, ich fühle mich wachgerüttelt, erschüttert und zufrieden zugleich. Wenn man bereit ist durch dieses Buch den Spiegel vorgehalten zu bekommen erwarten einen ganz besondere Lesestunden! Im übrigen endlich mein erstes Jahreshighlight.

*Seite 46
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Titel: Fische
Autorin: Melissa Broder
Verlag: Ullstein
Sprache: Deutsch
ebook: 352 Seiten

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