Sonntag, 3. November 2013

Das Dorf des Deutschen [Rezension]

Ein wenig mit Neid beobachte ich was momentan so auf den anderen Blogs gelesen wird und in den meisten Fällen eine angenehme Unterhaltungsliteratur darstellt, während ich mich durch meine Pflichtlektüre für die Uni arbeite. Weil es aber letztlich doch immerhin Bücher sind füllt sich auch so der Friedhof schön langsam wieder mit neuen Werken.

Inhalt:


Malrich Schiller lebt als algerischer Emigrant in einem Pariser Vorort und hat dort mit allerlei Vorurteilen und Problemen der Unterschicht zu kämpfen. Er lernt jedoch sich damit zu arrangieren und findet sich ohne große Gedanken mit seiner Existenz ab. Als sich jedoch sein großer Bruder Rachel das Leben nimmt und Malrich dessen Tagebuch in die Hände bekommt ändert sich seine Gedanken-und Gefühlswelt schlagartig. Mit einem Male wird er mit der Vergangenheit seines Vaters konfrontiert, der ursprünglich von Deutschland nach Algerien geflohen war um der Justiz zu entkommen. Schritt für Schritt muss Rachel die Schrecken des Nationalsozialismus kennen lernen und beginnt zu verstehen warum die Fakten seinen Bruder so aus der Fassung gebracht hatten.


Mistys Meinung:


Auf der Rückseite des Covers wird die Sprache Boualem Sansals sehr hochgelobt und er sogar als "Spracherneuerer" der französischen Sprache gefeiert, in der deutschen Übersetzung konnte ich jedoch zunächst nichts davon merken. Die Geschicht beginnt aus der Sicht Malrichs und schnell wird deutlich, dass er mit seinem relativ niedrigen Bildungsstandard wohl die derbe Sprache des Pariser Banlieus repräsentieren soll. Das ist jedoch im Deutschen wohl nicht adäquat übertragbar und so wirkt die Sprache der Figur zunächst ziemlich unauthentisch, als würde in einem schlechten Film versucht deutsche Jugendsprache nachzuahmen. Daher muss man sich als Leser zunächst durch Formulierungen wie "Schlitten" anstelle von "Auto" quälen, allerdings gewöhnt man sich mit der Zeit daran, besonders da sich dadurch immerhin der Kontrast zu Malrichs Schreibstil gut erkennen lässt, der sich merkbar besser auszudrücken weiß.

Dank Malrichs Tagebucheinträgen kann man in Summe die Sprache des Buch doch recht loben, die eine gute Balance zwischen poetisch und realistisch findet und dadurch die tragischen Umstände weder zu sehr enthebt noch sie zu nüchern schildert.

Die Handlung selbst weist durch ihre Vermischung der Nationaltitäten -die beiden Brüder sehen sich immerhin ebenso als Franzosen wie auch als Algerier und Deutsche aufgrund ihres Vaters- ein sonst selten gesehenes Konstrukt auf. Boulem Sansal weiß jedoch diese unterschiedlichen Komponenten bestens zu verknüpfen und bringt sehr klar zum Ausdruck welche Ähnlichkeiten alle Gewaltregime aufweisen und dass die Menschen eben nicht genug aus der Geschichte gelernt haben.

Zudem bringt er viele, mir bisher unbekannte Fakten über Konzentrationslager durch die Recherche des Protagonisten Malrich zum Ausdruck und beschreibt diese so ausführlich wie schrecklich, dass man als Leser ebenso schockiert ist wie die Figur und beginnt dessen Zerrissenheit zu verstehen.

Fazit:


Eine ausgesprochen lesenswerte Geschichte über die verdrängte Vergangenheit eines NS-Vaters -der auch das Leben seiner Kinder damit noch zuerstört- die in sehr genauer, literarisch gewählter Schilderung bezug auf die Verbrechen nimmt

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