Sonntag, 27. Januar 2013

Malina [Rezension]

Da sich meine Laune in letzter Zeit eher in den unteren Stockwerken aufgehalten hat, stand ich neulich -da ich beschlossen hatte trotzdem wieder zu lesen- vor meinem Regal und konnte tatsächlich kein Buch finden, das ich vom Inhalt her als schwermütig genug empfunden hätte um es lesen zu wollen. Nach einem kurzen gedanklichen Abruf meiner bisherigen Studienlektüre entschloss ich mich stattdessen für Bachmann und fuhr am Abend extra noch kurz in die Bibliothek um mir "Malina" nach Hause zu holen.

Inhalt:


Zentrum der Handlung bildet die Ich-Erzählerin, die ihren Namen nicht nennt und von ihrem Leben als Schriftstellerin in Wien erzählt. Aus ihren Monologen, Dialogen mit anderen und Briefentwürfen erfährt der Leser langsam von ihrer Situation zwischen zwei Männern, die beide großen Einfluss auf sie nehmen. Einerseits wohnt sie mit dem gefassten Intellektuellen Malina zusammen, von dem man (zumindest zu Beginn) den Eindruck bekommt, dass er ihren Rückhalt bildet, ihr jedoch keine wahre Zuneigung geben kann. Andererseits trifft sie sich mit dem jungen Arbeiter Ivan, der ihre Existenz zu beleben scheint, jedoch ihre tieferen Gefühle nicht erwidern möchte.

Mistys Meinung:


Mit "Malina" habe ich bereits den zweiten Band des "Todesarten-Projekts" von Ingeborg Bachmann gelesen, das sich aus drei Büchern zusammen setzen hätte sollen ( die sie aber vor ihrem Tod nicht mehr fertig stellen konnte). In seinem Ablauf ähnelt "Malina" sehr stark dem Fragment "Der Fall Franza", das ich zuvor gelesen habe. Die Frauenhauptfigur scheint zunächst zwar psychisch angeschlagen, trotzdem schöpft man als Leser noch Hoffnung bezüglich ihrer Regeneration, trotz ihrer schwierigen Situation. Langsam wird aber die Problematik der Mann-Frau-Beziehung immer deutlicher und die Situation der Frau verschlechtert sich dadurch immer weiter.

Die Dominanz der beiden Männer gegenüber der Ich-Erzählerin wird erst im späteren Verlauf der Handlung wirklich deutlich, zuvor erscheint es noch als würden sie versuchen ihr alle Freiheiten lassen zu wollen. Die Protagonistin stellt sich jedoch auch von Anfang an ganz auf die beiden ein, lebt deren Vorstellungen entsprechend und widerspricht nie. Als Leserin hatte ich so einerseits großes Verständnis für ihr Verhalten, das sehr darauf ausgerichtet war zu gefallen, andererseits ärgerte mich ihre Unfähigkeit sich zu wehren.

Ein solcher Zwiespalt entstand für mich in vielen Bereichen des Buches, einerseits gefielen mir Reflektionen der Protagonistin sehr und ich fand viele  gelungene Worte für traurige Situationen, andererseits waren mir einige Überlegungen (trotz Rücksicht auf den psychischen Zustand) übertrieben schwermütig und ängstlich. In Summe schätze ich jedoch die Sprache und Beschreibung Bachmanns sehr, die meiner Meinung nach eine sehr gute Mischung zwischen Klarheit und Bildkraft entstehen lassen und auch in diesem Werk wieder hervortreten. Einzig durch den Abschnitt im Buch, in dem die Erzählerin aussschließlich ihre Alpträume aufzeichnet, die alle die Misshandlung durch den Vater zum Gegenstand haben, musste ich mich wegen seiner Heftikeit durchquälen.

Fazit:


Besonders sprachlich ein herausragendes Werk, das in nachvollziehbarer Abfolge den Untergang einer Frau in der Gesellschaft beschreibt, bei dem jedoch jeder Leser selbst entscheiden sollte wieweit er sich auf die seelischen Zustände der Protagonistin einlassen möchte.

Buchzitat:


"Ich: [...] Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie. Ich lebe schon zu frühesten Zeiten, als wärs seit jeher, mit dir, immer gleichzeitig mit heute, passiv, ohne etwas anzugreifen, etwas heraufzurufen. Ich lasse mich nur mehr leben. [...]
Malina: Was ist Leben?
Ich: Es ist das, was man nicht leben kann."*

*Ingeborg Bachmann: Malina. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1971, S.307
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Titel: Malina
Autorin: Ingeborg Bachmann
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe: 355 Seiten
Reiheninfo: 1. Band des Todesarten-Projekts

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