Dienstag, 24. April 2012

Der Ackermann

Die "ältere deutsche Literatur" hat es in sich: Der Ackermann des Johannes von Tepl entstand bereits um 1400 und enthält doch soviel Witz und makabere Ausdrücke, wie man sie erst mehrere Jahrhunderte später erwarten würde. Das Werk besteht aus einem Dialog zwischen dem menschlichen Erzähler, der sich selbst Ackermann nennt und dem Tod persönchlich. Dabei wird jedem abwechselnd ein Kapitel zugewiesen. Anfangs hört sich der Tod noch geduldig die Klage des Ackermanns an (dem kürzlich die Frau verstorben ist), aber bald schon verspottet er diesen aufgrund dessen geringer Einsicht gegenüber der Notwendigkeit des Sterbens:


"...Du magst aus einem Menschenkind machen, was Du willst, es kann doch nicht mehr sein, als was ich Dir sagen werde, mit Erlaubnis aller reinen Frauen. Ein Menschenkind wird in Sünde empfangen, mit unreinen, unsäglichem Unflat im Mitterleib genährt, nackt geboren und ist ein beschmierter Bienenstock, ein ausgemachtes Dreckstück, ein schmutziges Triebwesen, ein Kotfaß, eine verdorbene Speise, ein Stinkhaus, ein ekliger Spülzuber, ein fauliges Aas, ein Schimmelkasten, ein bodenloser Sack, eine löchrige Tasche, ein Blasebalg, ein Gierschlund, ein stinkender Lehmtiegel, ein übelriechender Harnkruf und geschminkte Trübsal. Es höre, wer da wolle: ein jedes fertige Menschenkind hat neun Löcher in seinem Leib, aus denen allen tritt so ekliger und dreckiger Unflat, daß es nichts Schmutzigeres geben kann. Ein so schönes Menschenkind sahst Du nie, daß Dir nicht, hättest du Luchsaugen und könntest sein Inneres durchdringen, darüber grausen würde. Nimm weg und zieh ab einer schönen Frau den Schneiderglanz, so siehst Du eine jämmerliche Puppe, eine rasch welkende Blume, ein kurz währendes Trugbild und einen bald zerfallenden Erdklumpen [...]. Lass hingehen Glück, laß hingehen Unglück, laß fließen den Rhein wie andere Gewässer, Esel, bauernschlauer Götterknabe!"*


*Johannes von Tepl: Der Ackermann.Frühneuhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Christian Kiening. Stuttgart: Philipp Reclam Verlag 2009, S. 51/52

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