Sonntag, 12. März 2017

Ein wenig Leben [Rezension]

Noch vor dem Frühling werde ich von der ersten Leseflaut des Jahres heimgesucht. Zwar hätte ich durchaus Lust zu lesen, aber nach diesem Buch will mir keine Geschichte so recht hehagen. Klassischer Book Hangover! Heute muss Nabu übrigens ein wenig auf seinem Regal verstauben, da ich dieses Bild mit Bernd viel zu gelungen finde, um es durch irgendein anderes auszutauschen.


Inhalt:


Die vier jungen Männer Jude, Willem, Malcom und JB lernen sich auf dem College kennen und alsbald verbindet sie eine enge Freundschaft und sie geben einander Einblicke in ihr jeweiliges Privatleben. Einzig Jude lässt niemanden an sich heran, wenngleich er sonst jeden Einsatz für die anderen bringt. Erst über viele, viele Jahre schöpft er ausreichend Vertrauen zu Willem, um ihm ein paar Einblicke in seine furchtbare Vergangenheit zu gewähren, was die beiden eine besondere Beziehung zueinander aufbauen lässt.

Mistys Meinung:


Hypes im Jugendbuchbereich schießen jährlich schneller hervor als die Kirschenknospen vor meiner Haustür und ein jeder wird höher gelobt als der andere. In der Belletristik bekomme ich solche Preisungen jedoch sehr selten mit, weswegen sie mich natürlich viel mehr beeinflussen - so auch in diesem Fall. Wie kann ein Buch die verschiedenen Lesegemüter derart beeindrucken, dass es in der Literaturszene in jedem Gespräch mindestens zweimal fällt?

Nun, ich kann hier wirklich nur subjektiv sprechen (aber meine Rezensionen sind ohnehin immer sehr sehr subjektiv), denn ich möchte vor allem von der Wirkung berichten, die diese Geschichte auf mich hatte. So hat es mich seit Ewigkeiten wieder dazu gebracht, dass ich in der Nacht stundenlang nicht einschlafen konnte, weil mich die Handlung so belastet und aufgewühlt hat. Total übernachtig, bestückt mit Augenringen, die einem Zombie imponiert hätten traf ich dann des morgens noch auf meine liebe Arbeitskollegin im Bus, die ebenso aus der Wäsche schaute, weil auch sie es nicht aus der Hand hatte legen können. Entsprechend oft haben wir dieses Buch in der Buchhandlung auch empfohlen und ich befürchte in nächster Zeit wird man auf viele Menschen mit mächtigen Augenringen im Bus treffen.

Dieses Buch hat mich also wirklich bewegt, auch wenn es zum Teil einen sehr negativen Effekt auf meine Stimmung hatte (aber schön wenn Bücher das zustande bringen). Viele brichten übrigens, dass sie ständig den Tränen nahe waren, mich hingegen machte es über weite Strecken vielmehr wütend (nicht das Buch selbst, sondern was Jude alles zustößt). Man sollte sich also vor dem Lesen darauf einstellen, dass einen das Schicksal der eigentlichen Hauptfigur -und das ist der faszinierende Jude- garantiert nicht kalt lassen wird. Welche Stimmung es dabei herauf beschwört hängt wohl vom Leser selbst ab.

Auch wenn ich mir zu Beginn der Geschichte eine Notizliste zusammen gestellt habe, um die ganzen Eigenschaften der vier Freunde auseinander zu halten, finde ich nicht, dass es sich hier um ein sonderlich hochtrabendes Buch handelt, es sollte also keiner davor zurückschrecken, dass dieses Buch "zu hoch" wäre. Die Story und ihre Figuren sind zwar sehr dicht -schließlich haben sie auch fast 1000 Seiten um sich auszubreiten- aber trotzdem liest es sich sehr gut und man kommt leicht in einen Flow und praktisch nie ins Stocken. Ich kann selbst kaum glauben, wie schnell ich mit diesem Brummer durch war und kann nur jedem empfehlen sich nicht von der Dicke abschrecken zu lassen!

Ich habe mir übrigens auch einige der negativen Rezensionen durchgelesen und muss zugeben, dass ich einige Kritikpunkte davon durchaus gerechtfertigt finde -so etwa die Anklage, die Hauptfigur wäre zu apologetisch und würde massiv im Selbstmitleid versinken. Auch ich habe mich zum Teil ein wenig davon gestört gefühlt, aber trotzdem konnte es mich nicht davon abhalten, vollkommen von der Handlung gefesselt zu werden. Hätte ich eine Richterskala bekäme es dennoch volle 5 Sterne und die zeichnen sich bei mir nunmal dadurch aus, dass ich es täglich weiter empfehle.

Fazit:


Spannend, packend, fesselnd, verstörend. Fünf schlaflose Nächte später vergebe ich ebenso viele Sterne und eine Leseempfehlung!

Vielen Dank an den Hanser-Verlag für die Bereitstellung dieses Leseexemplares.

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Titel: Ein wenig Leben
Autorin: Hanya Yanagihara
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe: 960 Seiten

Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Ich bin sehr hin und hergerissen, ob ich dieses Buch lesen soll oder nicht. Wahrscheinlich steckt dabei auch dieser unerträgliche Hype an. Man hat das Gefühl, dieses Buch lesen zu müssen, um mitreden zu können. Solch eine Stimmung nimmt mir schon wieder die Lust, dieses Buch zu lesen. Ein regelrechter Zwiespalt!

    Soweit ich das beurteilen kann (habe bisher ja nur Rezensionen gelesen), soll ein weiterer Kritikpunkt die "typisch amerikanische" Geschichte sein. Also in dem Sinne, dass alle der Figuren sehr erfolgreich sind (oder werden). Eben trotz dieser Schicksale.

    Wahrscheinlich werde ich noch auf die Taschenbuchausgabe warten, da ich ohnehin nichts mit Hardcovern (vor allem in solchem Ausmaß) anfangen kann und bis dahin ist das Werk sowieso nicht mehr aktuell. :/

    Sind die Schicksale (oder ist es bloß eines?) schwer zu ertragen? Ich bin da relativ empfindlich und möchte keine Details lesen. :D

    Liebe Grüße,

    http://lesenundgrossetaten.blogspot.de/

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    1. Also ich finde es recht angenehm, wie gesagt, dass wir einmal ein Werk aus der Belletristik haben welches einen Hype genießt (und das nicht deswegen weil auf jeder zweiten Seite sadistischer Sex vorkommt) anstelle eines Jugendbuches^^

      Ja, das Schicksal von Jude ist schwer zu ertragen und genau das verleiht dem Buch auch seine Würze, weil man es dennoch nicht aus der Hand legen möchte.

      Das mit dem "typisch amerikanisch" habe ich bisher noch nicht gehört, muss allerdings zugeben, dass ich dem Kritikpunkt irgendwo recht geben muss, wobei ich auch erwähnen möchte, dass ich es ganz okay finde, dass zumindest die finanziellen Umstände der Figuren gesichert sind, verarmte Existenzen auch noch zu beschreiben hätte ich sehr übertrieben gefunden^^

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  3. Ich denke ich werde dieses Buch auf jeden Fall früher oder später lesen. Die Themen und die Düsterheit sprechen mich einfach zu sehr an. Schon lange suche ich mal wieder nach so einem Knaller, der einen aufwühlt.

    Komischerweise hat mich der Hype am Anfang extrem genervt, aber zwei Dinge haben mich inzwischen sehr neugierig gemacht. Zum einen eine thematische Zusammenfassung, die so ungefähr lautete wie "Wie Menschen zueinander finden und was sie zusammen hält" in Bezug auf die Freundschaft der Männer im Buch. Zum anderen die Autorin selbst, die mit einer unglaublichen inneren Ruhe abgeklärt gleichzeitig warm über den Inhalt ihres Buches spricht, d.h. v.a. die Gewalt und Verachtung mit der manche Menschen anderen begegnen.

    Auf viele weitere durchlesende Nächte!
    Katharina <3

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    1. Hoi Katharina,

      wenn du nach einem düsternen Knaller suchst, der dich aufwühlen soll, bist du hier genau richtig :) Mich hat der Hype bei diesem Buch witzigerweise überhaupt nicht genervt, weil ich es so toll finde, dass die Belletristik so übergreifend punkten kann und trotzdem noch zur Unterhaltungsliteratur zählt ohne zu seicht zu sein.

      Liebe Grüße :)

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  4. Oh ja, ich kann total nachvollziehen was du schreibst (zumal du deine Rezi trotz der schweren Thematik recht amüsant geschrieben hast). Mir ging es ja ganz ähnlich. Was für ein grandioses Buch. Was bleibt einem da noch zu sagen?
    Das mit dem "wütend werden" hatte ich allerdings auch so. Mir sind weder die Tränen gekommen noch sonstwas, aber ich habe innerlich gebrodelt ^^'. Gerade die Szene mit Caleb hat mich so unfassbar sauer gemacht >.<'. Und ich schließe mich auch an, dass es echt schön ist, wenn ein Buch sowas bei einem Menschen anstellen kann. Auch wenn es überwiegend negativ behaftete Emotionen waren, trotzdem was es toll, das so zu erleben.

    Liebe Grüße
    Insi Eule

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