Sonntag, 11. Oktober 2015

H wie Habicht [Rezension]

Einen wunderschönen Morgen allen Lesern und loyalen Blogbesucher, die zumindest brav meine Beiträge verfolgen. Heute ist es Zeit bei einer Tasse Ginkgo Tee über ein Buch zu sprechen, das mich ein wenig ratlos zurück gelassen hat. Folglich weiß ich auch gar noch nicht so recht, wie ich diese Rezension am besten aufbauen sollte. Dabei dürft ihr mich natürlich gerne begleiten.


Inhalt:


Nach dem Tod ihres Vaters beschließt Helen MacDonald sich einen Habicht zu kaufen, um diesen abzurichten. Zwar konnte sie schon seit ihrer Kindheit viel Erfahrung in der Falknerei sammeln, doch wurde ihr von den eigensinnigen Habichten bisher immer abgeraten. Dennoch kann sie nichts davon abhalten ein Habichtweibchen zu erstehen, welches sie auf den Namen Mabel tauft. Mit Mabels Hilfe versucht sie nun über den schmerzhaften Verlust hinweg zu kommen.

Mistys Meinung:


Wie bereits erwähnt weiß ich überhaupt nicht wie ich dieses Buch angehen soll, weder als Leser noch als Rezensent. Banal vorneweg gesagt sei, dass es für mich unter anderem ein Coverkauf gewesen ist, da dieses Bild wirklich zu den schönsten Einbänden gehört, die mir dieses Jahr untergekommen sind. Zudem war dieses Buch sehr viel im Gespräch und ich wollte herausfinden, ob es diese Aufmerksamkeit auch verdient hat.

Obwohl ich es nun gelesen habe, kann ich diese Antwort nicht geben. Bei mir beginnt es schon damit, dass ich Schwierigkeiten habe es überhaupt einzuordnen. Zwar wird es unter Sachbuch geführt und beschäftigt sich in vielen Passagen auch mit der Falknerei und deren Vorgehensweisen und Regelungen, aber dabei macht es keineswegs halt. Es ist desweiteren auch eine Autobiograpie, soweit ich das richtig beurteilen kann, ich denke nicht, dass die Geschichte von Helen in dem Buch fiktiv aufgebaut ist. Neben dem Abtragen ihres Habichts und der Trauer über den Tod ihres Vaters widmet die Autorin aber auch sehr viele Kapitel dem britischen Autor T.H. White und dessen Werk über die Falknerei.

Grundsätzlich wäre das auch eine recht interessante und abwechslungsreiche Kombination gewesen. Allerdings bin ich leider nicht wirklich damit zurecht gekommen. Natürlich verstehe ich die Parallelen ihres Lebens und jenem von White und finde auch dass die Überschneidung zu einem großen Teil recht gut funktioniert und stimmig wirkt. Allerdings komme ich gar nicht mit ihren Interpretationen und Projektionen zurecht. Mich hat es während des Studiums schon immer massiv genervt, dass einige Forscher zugerne das Leben eines Literaten nach eigener Logik und wilden psycholgischen Ansätzen auslegen. Damit hät sich Helen MacDonalt auch nicht zurück und weiß Whites Leidenschaft zur Falknerei folgendermaßen zu deuten:

"Durch das gekonnte Abrichten eines Jagdtiers, durch die enge Bindung zu ihm, die Identifizierung mit ihm, durfte man vielleicht all seine vitalen, ehrlichen Begierden ausleben, auch die blutrünstigen, und dabei dennnoch völlig unschuldig bleiben."*

Im weiteren Verlauf fallen dann noch Begriffe wie "Potenz", "Männlichkeit", "Homoerotik" und viele mehr. Da fühlt man sich als Literaturwissenschaftlicher doch gleich ganz heimelig. Es sei denn man hatte schon immer einen kritischen Blick auf solche Auslegungen. Ich wäre sehr viel glücklicher gewesen, wenn die Autorin einfach möglichst objektiv das Leben von White aufgezeichnet hätte, ohne jede Begegnung mit seinem Greifvogel als sadistische, lustvolle Phantasie zu betiteln.

Auch ihren eigenen Rückzuck von der Zivilisation weiß sie genau zu deuten und spart auch hier nicht an Eklärungen und Einteilungen. Nichtsdestoweniger bleibt ihre Verzweiflung und Trauer für den Leser sehr greifbar und die Aufzucht von Mabel ist definitiv lesenswert. Sofern jemand meiner Besucher dieses Buch gelesen hat, würde ich mich sehr über eine Diskussion freuen.

Fazit:


Ein vielschichtiges Sachbuch, das auf sehr vielen Ebenen gleichzeitig arbeitet, jedoch eine Toleranz gegenüber literaturwissenschafltlichen Auslegungen erfordert, sofern man diesen kritisch gegenüber steht. Sicherlich ein lesenswertes Buch, das jedoch einiges an Diskussionsmaterial bereit hält.


*Helen MacDonald: H wie Habicht. Berlin: Ullstein Buchverlage 2015, S. 64.
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Titel: H wie Habicht
Autorin: Helen MacDonald
Sprache: Deutsch
Hardcover: 415 Seiten

Kommentare:

  1. Hallo Misty,

    wow - das klingt total spannend. Vor allem, da ich einen Bericht/Interview über das Buch bei Druckfrisch gesehen habe. Da klang es total nach einem düsteren, mystischen Selbsterkundungsroman...So weit ich mich erinnere, nix von "Sachbuch-Anteilen"...
    Irgendwie sehr faszinierend, dieses Aufbrechen der Genre-Grenzen. Aber auch verständlich, dass das sehr irritierend ist, nach dem Motto "Was will uns der Autor damit sagen?" ;) Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass durch dieses Unterbrechen dann so gar keine Atmosphäre für die Geschichte entstanden ist... Mhmmm, muss man wahrscheinlich selber gelesen haben.

    Ach ja: Wir haben dich in unserem aktuellen Beitrag getaggt - vllt magst du ja mal vorbeischauen :)

    LG,
    Katharina

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    1. Hallöchen!

      Ja, ich hatte zunächst auch keine Ahnung, dass dieses Buch irgendwas mit Sachbuch zu tun hatte. Ich empfehle aber auch jeden Fall es selbst zu lesen, weil es wirklich etwas besonderes ist und für mich einiges an Diskussionsmaterial hätte :)

      Vielen Dank für den Tag :)

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