Dienstag, 19. November 2013

Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte [Rezension]

Dieses Buch lag leider viel zu lange ungelesen in einem Friedhofseck, obwohl es mir doch von einer sehr guten Freundin geborgt worden war, die es selbst noch nicht gelesen hatte. Da bei einem bücheraffinen Menschen aber nunmal soviele Faktoren zusammenspielen und einen eben nur zu einem ganz bestimmten Buch greifen lassen, passte dieses Werk mir erst kürzlich in meine Leselaune.



Inhalt:


Sehr eingehend beschreibt Oliver Sacks, Doktor der Neurologie, in diesem Buch die Lebens-bzw. Krankengeschichten einiger seiner Patienten, die seiner Meinung nach besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Wie der Titel bereits suggeriert beschreibt er dabei unter anderem die Geschichte eines Musikwissenschaftlers dessen visuelle Verarbeitung im Hirn so schlecht funktioniert, dass er mitunter den Kopf seiner Frau mit einem Hut verwechselt. Er geht aber auch auf Patienten ein, die urplötzlich laute Musik in ihrem Kopf hören, mit einem Mal die Gesichter ihrer Familienmitglieder nicht mehr unterscheiden können oder, trotz eines sehr unterdurchschnittlichen IQs, als Zahlengenies gelten.

Mistys Meinung:


Der Titel des Buches mag vermutlich schnell dazu verleiten, davon auszugehen die beschriebenen Fallgeschichten wären in besonders amüsanter Weise von dem Autor beschrieben, dies trifft jedoch nur bei einer sehr kleinen Menge zu. Dafür sind mit Abstand alle Berichte ausgesprochen eingehend und vor allem einfühlsam beschrieben und zeigen dadurch mitunter auch die dramatischen Entwicklungen eines Individuums vor, dass von einer starken neurologischen Störung betroffen ist.

Deswegen wird es dem Leser von Anfang an möglich nicht nur über die Situation von Figuren zu lächeln sondern in jeder Hinsicht von ihrem Schicksal betroffen zu sein. Dadurch wurde mir wieder einmal ins Bewusstsein gerufen, dass das Gehirn eben keine gänzlich intakte Rechenmaschine ist und meine Persönlichkeit auch kein Element, dass sich unter allen Umständen steuern lässt. Ein unglücklicher Unfall, eine Unregelmäßigkeit in den Synapsen kann ausreichen um einen großen Teil des Gedächtnisses auszulöschen und somit auch die eigene Vergangenheit. Diese Erkenntnis verhilft nicht nur dazu die eigene Gesundheit mehr zu schätzen, sie birgt auch wirklich faszinierende Möglichkeiten. So gelingt es umgekehrt Erinnerungen durch Reizung der Schläfenlappen im Gehirn hervorzurufen, die sonst nicht mehr reaktiviert werden konnten. Diese und viele andere Forschungen, die von Oliver Sacks beschrieben werden fand ich derart interessant, dass ich beschlossen habe mich definitiv mehr in dieser Richtung zu informieren.

Zudem steht der Arzt und Autor vielen Methoden der Neurologie sehr kritisch gegenüber und versucht mehrmals alternative Konzepte auzuarbeiten, die seiner Meinung nach viel besser auf die individuellen Bedürfnisse seiner Patienten passen. Aufgrund vielfacher negativer Erfahrung mit der Festgefahrenheit einiger Schulmediziner fand ich diese Einstellung sehr bewundernswert und auch sein eigenes Fortbildungsinteresse sehr bewundernswert. Zumindest in diesem Buch vermittelt er den Eindruck eines sehr gebildeten, einfühlsamen Arztes, der sich auch außerhalb seines Arbeitsfeldes sehr eingehend mit seinen Patienten befasst.

Fazit:


Wenngleich vermutlich als populärwissenschaftlich angesehen bietet dieses Buch einen überaus interessanten Einblick in das Fachgebiet der Neurologie und schafft es durch die persönlichen Beschreibungen des Autors trotzdem die emotionale Ebene keineswegs zu vernachlässigen.

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Titel: Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte
Autor: Oliver Sacks
Sprache: Deutsch
Taschenbuch: 319 Seiten

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