Freitag, 7. Juni 2013

Kokoschkins Reise [Rezension]

Ja - auf dem Friedhof weht wieder einmal ein einsames, kühles Windchen und wirbelt ebenso einsamen Staub auf, auf den niemand tritt. Die Uni ruft mit zahlreichen Verpflichtungen zu Semesterende und in der verbleibenden Freizeit übt das Internet momentan mehr Faszination auf mich aus als die verlassenen Bücher. Doch eine kleine Rezension zu einem Buch, das ich für ein Referat zu lesen hatte möchte ich schon schnell noch in die Stille werfen.


Inhalt:


Fjodor Kokoschkin, ein Exilrusse, reist 2005 aus den USA an um mit einem Bekannten die Orte seiner Kindheit und Jugend zu besuchen. Auf dieser Reise erfährt der Leser aus dem Gespräch der beiden, dass sie direkt an den Orten führen, von Kokoschkins Vergangenheit. Sein Vater wurde in St.Petersburg 1918 von den Bolschewiken ermordet. Seine Mutter flieht daraufhin mit ihm nach Odessa und schließlich auch nach Berlin, wo Fjodor eine Freistelle in einem Gymnasium bekommt. Als Student sieht er sich schließlich 1934 auch noch mit dem NS-Regime konfrontiert und entscheidet sich für ein erneutes Exil. 


 Mistys Meinung:


Ehrlich gesagt fiel es mir gleich zu Beginn eher schwer mich auf das Buch einzustellen. Ich bewunderte zwar den auf großer Genauigkeit beruhenden Schreibstil des Autors und sein gesamtes Romankonzept in dem es ihm gelingt ein ganzes Jahrhundert in knapp unter 200 Seiten aufzuziehen, ohne das ich das Gefühlt gehabt hätte es würde jetzt etwas fehlen, aber trotzdem konnte ich mit der Geschichte persönlich nicht wirklich warm werden.

Als "Arbeitslektüre" für mein Referat, für das ich es unter dem Aspekt des Erinnerung und Verdrängung untersucht habe eignete es sich zwar hervorragend und durch die nähere Beschäftigung lernte ich es auch zu schätzen, trotzdem fehlt mir sehr stark der emotionale Anteil. Der Protagonist berichtet durchgehend ohne Erwähnung der eigenen Empfindung, wiewohl er doch sehr viele furchtbare und prägende Ereignisse aus seiner Vergangenheit schildert. Seine Erzählungen sind mehr berichtsähnlich, dabei sehr genau, durchzogen von vielen Jahreszahlen und immer mit ausführlicher Erwähnung des politischen Hintergrunds. Dabei wird jedoch gänzlich auf die -für mich ebenso wichtige- Erwähnung der Gefühle der Hauptgfigur verzichtet. Zwar bin ich kein begeisterter Anhänger von übermäßiger Gefühlsbekundung in Büchern (mit der Spätromantik stehe ich sogar auf Kriegsfuß), aber reine Berichterstattung von persönlichen Erlebnissen fast ohne Emotionen senkt meine Lesekonzentration und mein Interesse an den Figuren sehr stark herab.

So bin ich zwar froh, dass dieses Buch sich sicherlich auch gut für meine Seminararbeit eignen wird, als Freizeitlektüre würde ich es jedoch nicht unbedingt empfehlen - selbst wenn ein Leser vermehrtes Interesse an Exilliteratur hat.

Fazit:


Eine sehr genaue Schilderung der Lebensgeschichte eines wiederholten Exillanten, die sich jedoch fast aussschließlich an der Genauigkeit eines Berichts orientiert und für die Emotionen der Figuren wenig Raum lässt.

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Titel: Kokoschkins Reise
Autor: Hans Joachim Schädlich
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe: 189 Seiten

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