Freitag, 26. Oktober 2012

Gläserne Bienen [Rezension]

Allerlei bunte Blätter fallen auf den Friedhofsboden und die kühle Zeit würde sich wunderbar nützen lassen um zu lesen. Meine Leselaune ist der herbstlichen Jahreszeit allerdings vorausgeeilt und hat schon lange den Gefrierpunkt erreicht. Der Leseberg für die Uni wirft einen bedrohlichen Schatten, sodass ich mich lieber zu meinem privaten Bücherhügel schleiche. In der Mitte holt mich jedoch der Geist meines schlechten Gewissens ein und es geht wieder retour....wobei ich am Absatz wieder kehrt mache und...und...ja. Im Endeffekt lese ich dann gleich gar nichts. Damit der Friedhof der vergessenen Bücher nicht noch ein vergessener Friedhof der vergessenen Bücher wird habe ich mich aber zu der folgenden Rezension aufgerafft:


Inhalt:


Der ehemalige Rittmeister Richard befindet sich in einem Zeitalter der Maschinisierung, die die Pferde fast komplett abgelöst hat, verzweifelt auf der Suche nach einem neuen Beruf. Sein ehemaliger Kamerad Twinnings vermittelt ihm einen Kontakt zu dem beinah schon legendären, reichen Industriellen Zapparoni, der eine Stelle in seinen Werken anzubieten hat. Richard erfährt jedoch nichts genaueres über die eigentliche Stelle, nur dass einer der Vorgänger nun tot ist und ein anderer im Irrenhaus sitzt. Da er jedoch keine andere Chance mehr sieht willigt er ein sich für ein Bewerbungsgespräch anzumelden. Er wird zum privaten Hauptsitz Zapparonis geführt, den nur wenige vor ihm betreten durften und angewiesen im Garten zu warten. Dort macht er jedoch eine erschreckende Entdeckung...

Mistys Meinung:


Im Gegensatz zu seinen umstrittenen Kriegstagebüchern In Stahlgewittern - wegen denen Ernst Jünger von vielen als "intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus" gesehen wird- ist seine Erzählung Gläserne Bienen eher unbekannt geblieben. In ihr ist (im Gegensatz zum Frühwerk des Autors) von übertriebener Kriegsbegeisterung allerdings wenig zu spüren und die Hauptfigur entpuppt sich sogleich als sehr interessanter Charakter; Richard ist ein gescheiterter, zögernder Mensch, der sich selbst immer wieder dem Defaitismus zuordnet und gleichzeitig -obwohl er sich als unterlegen ansieht- viele kluge Überlegungen anstellt.

Die äußere Handlung wird immer wieder unterbrochen durch die Reflexionen Richards, der dabei seitenlang Erinnerungen heraufbeschwört, die jedoch erzählerisch sehr gut vermittelt werden. Aber auch seine Betrachtungen in der Gegenwart gestalten sich recht gelungen, besonders im Hinblick auf die erwähnten Maschinen. Die in den Zapparonischen Werken erzeugten Roboter, von kleinen Haushaltshilfegerätschaften bis hin zu kreativ-begabten Androiden, sind allesamt sehr futuristisch und die meisten ihrer Erwähnungen ließen mich immer wieder an Steampunk denken, obwohl die Erzählung bereits 1957 erschien.

Wegen des Kontrasts zwischen der hochtechnisierten Zeit, die vielen noch wie Zauberei erscheint und dem ehemaligen Rittmeister, der es nicht geschafft hat sich an die neue Zeit anzupassen, lässt sich die Erzählung auch mit Blick auf die heutige Zeit noch sehr schön lesen.

Fazit:


Insgesamt eine recht gelungene Geschichte, die nicht nur einen vielseitig interessanten Anti-Helden zeichnet, sondern auch eine dystopische Umgebung schafft, die durch ein gekonntes sprachliches Ausdrucksvermögen sehr detailreich beschrieben wird.

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Titel: Gläserne Bienen
Autor: Ernst Jünger
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe: 141 Seiten

1 Kommentar:

  1. Finde ich gut dass du dich auch an "ältere" Werke wagst =) Sieht man nicht oft.

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