Sonntag, 7. Oktober 2012

Fluss ohne Ufer (1: Das Holzschiff) [Rezension]

Stapelweise türmen sich die ungelesenen Bücher in allen Ecken des Friedhofs und wimmern bei Nachts fast so erbärmlich wie das Kellermonster aus dem Film "Das Haus an der Friedhofsmauer". Gern würde ich ein jedes trösten indem ich es zu lesen beginne. Aber momentan sieht es diesbezüglich schlecht aus, da ich die ersten beide Leselisten von Unikursen bekommen habe und allein mit diesen komme ich auf über 30 Bücher, die in diesem Semester gelesen sein müssen. So steht der Friedhof momentan bis auf Nabu eher verlassen und ich schleiche auswärts durch die Universitätsbibliotheken. Meine nächsten Rezensionen werden sich also alle eher mit Klassikern befassen, wobei viele davon auch sehr gut auf den Friedhof passen, da sie zu den vergessenen Werken zu rechnen sind, wie auch das folgende Buch.

Inhalt:


Der junge Mann Gustav schleicht sich kurz vor dessen Auslaufen auf ein geheimnissvolles Holzschiff, um bei seiner Verlobten Ellena sein zu können, deren Vater als Kapitän auf dem Schiff angeheuert wurde. Als er von der restlichen Besatzung bemerkt wird ist es bereits zu spät für ein Umkehren und er wird freundschaftlich aufgenommen. Doch bald schon kommt es zu merkwürdigen Entwicklungen im Verhalten der Matrosen und auch bei Ellena. Gustav wird mit Abgründen und Wirrungen konfrontiert, die ihn mehrfach überfordern, sodass er beginnt sich zurückzuziehen. Erst als Ellena spurlos verschwindet fängt er an fieberhaft das Schiff und dessen Besatzung zu untersuchen, wobei er einige merkwürdige Umstände aufdeckt...

Mistys Meinung:


Das Holzschiff ist der erste Teil der Trilogie "Fluss ohne Ufer", die als das Hauptwerk des deutschen Schriftstellers Hans Henny Jahnn gilt. Es wurde 1949 erstmals veröffentlicht und ist mittlerweile leider vergriffen, was mir persönlich unverständlich ist, da es für mich einen vergessenen Schatz darstellt.

Die Geschichte, die sehr bald hauptsächlich von der Warte Gustavs erzählt wird, erweist sich als ziemlich spannend und bleibt dabei bis zuletzt geheimnisvoll. Die Erzählweise entspricht für mich einer gekonnten Mischung aus Kafka und Musil. Somit kommt es zu einer dichten Erzählung über die Gedanken, Wünsche und auch Triebe der Charaktere und wird dabei in die mysteriösen Vorgänge auf dem Schiff eingeflochten. Die Sprache dabei ist sehr bildreich und fängt die Gedänken und emotionalen Regungen der Figuren sehr gut ein.

Fast alle der Figuren haben mit persönlichen Schwierigkeiten und ihren eigenen seelischen Abgründen zu kämpfen und scheinen nach einem Halt zu suchen. Trotzdem empfand ich diesen Umstand -im Gegensatz zu vielen anderen Werken (gerade Klassikern)- zu keinem Zeitpunkt als wirklich deprimierend, vielmehr als absolut spannend welcher Metaphern und Strategien sich die Charaktere bedienen um einen Sinn in alle Wirrungen zu bringen.

Von dieser Geschichte ging auf mich eine solche Anziehung aus, dass ich es kaum erwarten kann auch die beiden weiteren (viel umfangreicheren) Bücher zu lesen. Ein wahrer Ehrengast auf dem Friedhof. Gebrauchte Ausgaben lassen sich übrigens in Bibliotheken und auf Amazon finden.

Fazit:


Ein spannender, abgründiger Klassiker, der auf jeden Fall wieder vom literarischen Meeresboden geborgen werden sollte.  Eine anspruchsvolle Lektüre, die es mühelos versteht den Leser in ihren Bann zu ziehen.

Buchzitat:


" »Es ist ein Herr Superkargo anbord«, sagte Gustav »und du warst von mittags bis abends mit ihm verschwunden. Das ist gewiß ein natürliches Vorkommnis. Und es wird noch besondere Gründe gehabt haben. Aber mir ist der Speichel bitter geworden. [...]«
Es wurde Ellena dunkel vor den Augen. In ihrer halben Ohnmacht sagte sie: »Ich hatte mir vorgenommen, mit dir darüber zu sprechen.«
»Ich habe nicht an unserer Einigkeit gezweifelt«, sagte Gustav, »genau genommen handelt es sich auch nicht um deine Empfindungen oder um die meinen. Wir können getrost voraussetzen, es hat sich nichts zugetragen, was nach Veränderung schmeckt. Wir sind zwei Bäume; sie stehen nebeneinander im Walde. Der eine trägt einen weiblichen Blütenstand, der andere einen männlichen. Und es ist die Zeit, wo man auf einen lauen Wind wartet, auf einen Liebesboten. In die staubige begehrliche Wolke, wenn sie mit dem Wind sich aufbläht, mischt sich die männliche Kraft anderer Bäume, die weiter abstehen. Darüber erschrickt man nicht. Ich bin nicht eifersüchtig. Aber es gibt Äxte, die können einen Baum fällen.«" *


*Hans Henny Jahnn: Das Holzschiff. Frankfurt am Main: Europäische Verlangsanstalt 1959, S.114
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Titel: Das Holzschiff
Autor: Hans Henny Jahnn
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe: 235 Seiten 
Reiheninfo: Band 1 der Trilogie "Fluss ohne Ufer"

1 Kommentar:

  1. Das ist ein guter Vorschlag, ich glaube, so mache ich es. :)
    Schöne Rezi, ich kannte das Buch gar nicht.

    Liebe Grüße
    Elle

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