Sonntag, 17. Juni 2012

Ein gutes Mädchen träumt [Gedicht]

Wegen schlafloser Nacht schlich ich gestern noch zwischen den Regalen umher und zog Gedichtbände hervor. Aufgeschlagen auf zufälliger Seite gefiel mir gleich dieses von Erich Kästner:


Ein gutes Mädchen träumt

Ihr träumte, sie träfe ihn im Cafe.
Er läse. Und säße beim Essen.
Und sähe sie an. Und sagte zu ihr:
»Du hast das Buch vergessen!«


Da nickte sie. Und drehte sich um.
Und lächelte verstohlen.
Und trat auf die späte Straße hinaus
und dachte: ich will es holen.


Der Weg war weit. Sie lief und lief.
Und summte ein paar Lieder.
Sie stieg in die Wohnung. Und blieb eine Zeit.
Und schließlich ging sie wieder.


Und als sie das Cafe betrat,
saß er noch immer beim Essen.
Er sah sie kommen. Und rief ihr zu:
»Du hast das Buch vergessen!«


Da stand sie still und erschrak vor sich.
Und konnte es nicht verstehen.
Dann nickte sie wieder. Und trat vor die Tür,
um den Weg noch einmal zu gehen.


Sie war so müde. Und ging. Und kam.
Und hätte so gerne gesessen.
Er sah kaum hoch. Und sagte bloß:
»Du hast das Buch vergessen!«


Sie kehrte um. Sie kam. Sie ging.
Schlich Treppen auf und nieder.
Und immer wieder fragte er.
Und immer ging sie wieder.


Sie lief wie durch die Ewigkeit!
Sie weinte. Und er lachte.
Ihr flossen Tränen in den Mund.
Auch noch, als sie erwachte.*

*Erich Kästner: Ein gutes Mädchen träumt. Aus: Dieter Hoffmann: Arbeitsbuch Deutschsprachige Lyrik 1916 - 1945.Tübigen: A.Francke Verlag 2001, S.88

1 Kommentar:

  1. Erich Kästner, du guter Mann :-))

    Wundervolles Gedicht, wobei's mir eine Gänsehaut beschert hat... :-D Tolle Gedichtsammlung!

    AntwortenLöschen