Donnerstag, 19. April 2012

Narziss und Goldmund

So, der erste Post geht nun an Hermann Hesse mit seinem Werk "Narziß und Goldmund", in dem neben vielen poetisch-schönen Passagen auch einmal eine interessante Reflektion von der Figur Goldmund selbst zu finden ist. Dieser gelangt, nachdem er das Kloster verlässt (indem er von seinem Lehrer Narziß unterrichtet worden ist) in eine kunstaffine Bischhofsstadt, in welcher er sich selbst schließlich als Künstler behauptet. Trotzdem erlangt er dadurch (und auch im späteren Handlungsverlauf) nie bleibende Zufriedenheit - dazu das untenstehende Zitat. Jedenfalls ein Werk, das mich immer wieder mit seiner sprachlichen Eleganz und seinen ausgefeilten Beschreibungen begeistert hat.

"Nichts sahen sie, diese Menschen, nichts wußten und merkten sie, nichts sprach zu ihnen! Einerlei, ob da ein armes holdes Tier vor ihren Augen verreckte oder ob ein Meister in einem Heiligengesicht alle Hoffnung, allen Adel, alles Leid und alle dunkle schnürende Angst des Menschenlebens zum Erschaudern sichtbar machte - nichts sahen sie, nichts ergriff sie! Alle waren sie vergnügt oder beschäftigt, hatten es wichtig, hatten es eilig, schrien, lachten und rülpsten einander an, machten Lärm, machten Witze, zeterten wegen zwei Pfennigen, und allen war es wohl, sie waren alle in Ordnung und höchlich mit sich und der Welt zufrieden. Schweine waren sie, ach viel schlimmer und wüster als Schweine! Nun ja, er selber war oft genug mitten unter ihnen gewesen, hatte sich froh unter ihresgleichen gefühlt, war den Mädchen nachgetrieben, hatte vom Teller lachend und ohne Grausen gebackene Fische gegessen. Aber immer wieder hatte ihn, oft ganz plötzlich wie durch Zauber, die Freude und Ruhe verlassen, immer wieder war dieser fette feiste Wahn von ihm abgefallen, diese Selbstzufriedenheit, Wichtigkeit und faule Seelenruhe, und es hatte ihn hinweggerissen, in die Einsamkeit und ins Grübeln, auf die Wanderschaft, zur Betrachtung des Leides, des Todes, der Zweifelhaftigkeit alles Treibens, zum Starren in den Abgrund. Manchmal war ihm dann aus der hoffnungslosen Hingabe an den Anblick des Sinnlosen und Furchtbaren plötzlich eine Freude aufgeblüht, eine heftige Verliebtheit, die Lust ein schönes Lied zu singen oder zu zeichnen, oder im Riechen an einer Blume, im Spielen mit einer Katze war ihm das kindliche Einverstandensein mit dem Leben wieder zurückgekehrt. Auch jetzt würde es wiederkehren, morgen oder übermorgen, und die Welt würde wieder gut und vortrefflich sein. Bis eben das andere wiederkam, die Traurigkeit, das Grübeln, die hoffnungslose beklemmende Liebe zu den sterbenden Fischen, den welkenden Blumen, der Schrecken über das stumpfe säuische Gaffen und Nichtsehen der Menschen. [...]" *


*Hermann Hesse : Narziss und Goldmund. Gütersloh : Bertelsmann, 1957, S.213

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