Donnerstag, 26. April 2012

Die Wiederholung


Vorsichtig und fast so langsam und genau wie dessen Beschreibungen taste ich mich im Moment an den Autor Peter Handke heran. In seinem Roman Die Wiederholung jedenfalls reist der Ich-Erzähler Filip Kobal auf der Suche nach seinem verschollenem Bruder nach Slowenien. Er hat in seinem Gepäck auch ein handgeschriebenes Wörterbuch dieses Bruders, voll von slowenischen Ausdrücken, das er ziemlich genau studiert. Dabei entdeckt er immer mehr Ausdrücke für Dinge und Situationen, die er im Deutschen gar nicht mit einem direkten Wort benennen kann.

Zwar versicherte mir so mancher Linguistik wiederholt, dass jede Sprache genau jene Wörter behält/hat die sie (und sei es nur entfernt) wirklich benötigt, das folgende Zitat aus dem Roman zeigt dennoch sehr schön, welche es trotzdem zusätzlich noch geben könnte:


"Tag für Tag abenteuerlustiger öffnete ich das Weisheitsbuch. Gibt es denn einen Ausdruck für die Abenteuer, die ich erlebte? [...] Immer neu hat der Leser an den Nachmittagen auf der Tischebene dem Epos der Wörter den Beifall bezeugt, und auch gelacht: nicht das Lachen, womit man sich lustig macht, sondern womit man erkennt und mitspielt. Ja, es gab das eine Wort für die heitere Stelle am bewölkten Himmel, das Hin- und Herrennen des Riendviehs, wenn es bei großer Hitze von der Bremse gestochen wird, das jäh aus dem Ofen hervorbrechende Feuer, das Wasser der gekochten Birnen, den Stirnfleck eines Stiers, den Mann, der sich auf allen vieren aus dem Schnee arbeitet, die Frau, die sich die Sommerkleider anlegt, das Platschen der Flüssigkeit in einem halbleeren Trageimer, das Geriesel der Samen aus den Fruchtkapseln, das Hüpfen des flachen Steins auf der Teichoberfläche, die Eiszapfen im Winterbaum, die Rohstelle in der gekochten Kartoffel, und die Lache über einem lehmigen Grund. Ja, das war es, das Wort!"*


*Peter Handke: Die Wiederholung.Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1986, S.207/8

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